Pigarné im niederländischen Lichtenvoorde kann getrost als ein besonderer Fleischverarbeiter bezeichnet werden. „Restferkel und Schweine mit genetischen Abweichungen liefern gute und sichere Fleischprodukte“, sagt Geschäftsführer Frank Campmans. „Als Fleischmann habe ich eine große Abneigung gegen die Verschwendung tierischer Proteine. Wir schaffen Mehrwert und verbessern das Image der Niederlande als Schweineland.“
Frank Campmans ist ein Fleischfachmann durch und durch und hat eine besondere Sichtweise auf das Schlachten von Nutztieren. „Egal wie ungewöhnlich ein Nutztier aussieht, es kann durchaus sicheres Lebensmittel liefern. Meine Grundregel ist: Was ein Schweinehalter selbst nicht auf seinem Teller haben möchte, sollte er auch nicht zum Schlachten anbieten.“
Das Schlachten eines solchen besonderen Tierstroms muss laut Campmans korrekt und so tierfreundlich wie möglich erfolgen, vorzugsweise im eigenen Land. „Der Umgang mit einer so gemischten Gruppe von Schlachttieren auf dem Weg zum und im Schlachthof erfordert von allen Seiten besondere Aufmerksamkeit und Fachkenntnis.“
Wie lässt sich diese Vision auf die Schweinehaltung übertragen?
„In Schweinebetrieben geht es darum, möglichst einheitliche Gruppen von Ferkeln oder Mastschweinen zu liefern. Es gibt immer einige Tiere mit einem Handicap oder Schweine, die nicht mit der Gruppe mithalten können. Solche ‚Endkarrieretiere‘ werden meist über einen Händler exportiert. Schweinehalter sollten sich bewusster mit der verantwortungsvollen Vermarktung dieses besonderen Tierstroms beschäftigen, denn das kann durchaus auch im eigenen Land geschehen.“
„So möchte ich auf keinen Fall rüberkommen. Wenn niederländische Restschweine in Länder mit einem speziellen Markt für diese Tierkategorie transportiert werden, haben sie viele Kilometer hinter sich – mit einer Tiergruppe, die keinen Schönheitspreis gewinnt. Bei einem Zwischenfall mit solch einem Tiertransport verbreiten sich Bilder schnell weltweit im Internet. Das schadet dem Image der niederländischen Schweinehaltung zusätzlich.
Ich finde, man sollte solche Tiertransporte minimieren und nur mit Qualitätsgruppen von Ferkeln die internationalen Autobahnen befahren.“
Frank Campmans (55) ist seit 2020 Geschäftsführer von Pigarné | Young Pork Meat (früher AGRI4+ Fleischproduktion). Zuvor war er Vieh- und Fleischhändler. Bereits seit fünfzehn Jahren schlachtete er unter anderem Ferkel im Gelderland-Betrieb in Lichtenvoorde. Pigarné nimmt auch Rinder für Notschlachtungen an. Eine mobile Tötungseinheit (MDU) steht bereit, die hoffentlich 2024 in Betrieb geht. Die MDU ist eine tierfreundliche Lösung für schlachtreife Tiere, die nicht transportfähig sind. So können wertvolle tierische Proteine auf korrekte Weise für den Menschen nutzbar gemacht werden. Campmans ist an der MAS ausgebildet.
„Immer mehr Schweinehändler finden den Weg zu uns, aber die Schweinehalter steuern das meist nicht aktiv. Es ist eine Nebensache und für Händler ein zusätzlicher Service für ihre Kunden.
Deshalb versuchen wir, Schweinehalter dafür zu sensibilisieren, dass es auch anders und besser geht. Sie können mit ihrem Händler vereinbaren, ihre Restferkel ordentlich im eigenen Land zu Lebensmitteln zu verarbeiten, wodurch sie auch ihren CO2-Fußabdruck senken. Das ist eine gut nachvollziehbare Geschichte: nachhaltiger, tierfreundlicher und verantwortungsvoller.“
Bringen Schlachtferkel und Restschweine etwas ein?
„Wir haben einen Kilopreis, der vom Schlachtgewicht, der Qualität und der Gruppengröße abhängt. Außerdem dürfen die zu schlachtenden Schweine bei uns zwischen 6 und 125 Kilo Lebendgewicht wiegen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber dem Export von Gruppen von Schlachtferkeln, die höchstens 35 Kilo pro Tier wiegen dürfen. Unsere Fleischnotierung hat ihre eigene Dynamik, aber es kann dem Schweinehalter durchaus ein schönes Zubrot einbringen – und ein gutes Gefühl obendrein.“
Wie viele Schweine verarbeitet Pigarné?
„In fünf Arbeitstagen schlachten wir etwa 3.500 Schweine. Das wöchentliche Angebot an Schlachtferkeln und Schweinen mit Mängeln oder Beeinträchtigungen liegt zwischen acht- und neuntausend Tieren. Also landet bisher mehr als die Hälfte der Restschweine in den Niederlanden in Lichtenvoorde.
Dieser Marktanteil wird wachsen, denn wir haben Platz, die Kapazität auf 7.000 Schweine pro Woche zu erhöhen. Mitte Oktober haben wir einen zweiten Standort in Betrieb genommen, einen Kilometer entfernt. Die Verarbeitung und das Zerlegen haben wir vom Schlachtprozess getrennt. Das bringt verschiedene Vorteile.“
Hat tägliches Schlachten Vorteile?
„Wir haben Platz und Personal, und es sorgt für Regelmäßigkeit. Außerdem ist es für Schweinehalter und Händler günstig, weil sie an jedem Werktag bei Pigarné abliefern können. Dadurch können sie Abteilungen leicht leerräumen und die Belegung von Restabteilungen minimieren.
Das All-in-All-out-Prinzip bringt gesundheitliche Vorteile, weil mögliche Infektionsquellen aus dem Betrieb verschwinden. Der Durchfluss von Tiergruppen auf einem Betrieb läuft reibungsloser. Die Leistungen steigen und Schweinehalter können straffer nach Plan mit einheitlicheren Gruppen arbeiten.“
Was macht euer Fleischproduktionsunternehmen einzigartig?
„Da unsere Tierströme nicht einheitlich sind, passen wir die Geschwindigkeit der Schlachtlinie an. Außerdem arbeiten wir nur mit echten Fachleuten, die die Expertise haben, jedes Tier korrekt zu schlachten und zu verarbeiten. Fachmetzger sind entscheidend, um zum Beispiel eine Kontamination der Schlachtlinie auszuschließen und das Fleisch optimal zu veredeln.“
Ihr habt eine große Vielfalt an Endprodukten.
„Stimmt, aber der Absatz von Schlachtkörpern und anderen Schweinefleischprodukten ist kein Problem. Die Absatzmärkte zu finden, in denen für bestimmte Qualitäten bezahlt wird, ist unser Handwerk. So verkaufen wir Schlachtkörper von Schlachtferkeln innerhalb der EU, unter anderem nach Portugal und in die Balkanländer. Aber auch volle Gefriercontainer mit Schlachtferkeln finden ihren Weg zum Beispiel auf die Philippinen und nach Singapur.“
Ist die Verarbeitung solcher Tierströme interessant?
„Es ist ein Nischenmarkt. Die Schlachtkosten pro Schwein sind höher als bei gewöhnlichen Schlachthöfen in den Niederlanden und vergleichbaren Betrieben im Ausland. Die Lebendkontrolle und die Kontrolleure in der Schlachtlinie kosten allein schon 3 bis 4 Euro pro Schlachttier. Da wir mit risikoreicheren Tierkategorien arbeiten, werden die Tiere auch strenger beurteilt. Das ist in Ordnung, denn das Fleisch muss sicher sein.
Letztlich geht es darum, den Wert der Schlachtkörper und des Fleisches optimal zu realisieren. Dafür brauchen wir ausländische Absatzmärkte dringend.“
Was macht den Markt für Schlachtferkel so besonders?
„Es ist ein spezieller Markt mit Kunden, die bereit sind, für Qualität zu zahlen. Ich weiß, dass es zum Beispiel in Frankreich und anderen Ländern Sauenhalter gibt, die Schlachtferkel maßgeschneidert für diesen Nischenmarkt produzieren. Es ist eigentlich einfach ein Markt von Angebot und Nachfrage, der auf Basis von Kosten- und Verkaufspreis funktioniert.“
Bietet eine solche Nischenproduktion auch hier Perspektiven?
„Wenn ein Kunde mit einer speziellen Anfrage zu uns kommt, die für uns und den Lieferanten einer gefragten Gruppe Ferkel attraktiv ist, dann setzen wir uns natürlich dafür ein, das möglich zu machen. Unser Netzwerk mit Viehhändlern setzen wir dafür gerne ein.“
Bietet die Verwertung von Ferkeln durch Pigarné dem Landwirt zusätzliche Vorteile?
„Vermehrer sollten meiner Meinung nach nur einheitliche Gruppen mit Qualitätsferkeln abliefern. Vermeiden Sie jede Diskussion mit Mastschweinehaltern im In- und Ausland und selektieren Sie etwas strenger, damit Sie auch mehr für Ihre Ferkel verlangen können.
Außerdem kann bei uns auf Wunsch eine Schlachtlinienuntersuchung durchgeführt werden. Sollte etwas auffällig sein, können repräsentative Ferkel zusammen mit den Zweit- und Drittauswahlferkeln mitgeschickt werden. Der Schweinehalter und sein Tierarzt können dann die Organe dieser Tiere an unserer Schlachtlinie beurteilen. Das liefert wertvolle Erkenntnisse, mit denen die Tiergesundheit im Betrieb gezielt verbessert werden kann.“
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